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(M)Ein Weg durch die charismatische Szene

Als Kind war ich von gläubigen Leuten sehr beeindruckt, habe den Religionsunterricht gern mitgemacht und mich interessiert mit biblischen Geschichten beschäftigt. Als Jugendliche habe ich dann versucht, die Bibel einmal ganz durchzulesen, und begann beim Neuen Testament, weil dieser Text mir leichter verständlich erschien. Dabei kam ich irgendwann zum Text der sogenannten "Bergpredigt" (Matthäus 5 - 7), und war fasziniert und entsetzt zugleich: Wie kann Gott so etwas verlangen? Das schaffe ich doch nie! Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich unmöglich sei, so zu leben, wie Gott es wollte. Ich fühlte mich von diesem Gott total überfordert und im Stich gelassen, wurde wütend und beschloss, Atheist zu werden.

Einige Jahre später kam ich mit Studierenden verschiedener religiöser Hintergründe in Kontakt, und wir fanden es interessant, uns über Texte der Bibel zu unterhalten. Irgendwann kam ich zu der Schlussfolgerung, dass ich die Bergpredigt möglicherweise falsch verstanden hatte. Der Jesus, von dem biblische Texte berichten, schien wohl doch gar nicht zu wollen, dass ich/wir ihm ein "frommes" Leben (nach der Bergpredigt) "bieten". Stattdessen scheint er zu wünschen, dass wir uns ihm vertrauensvoll öffnen. Dann würde er uns irgendwie von innen heraus verändern wollen, dass wir (hoffentlich) immer mehr fähig würden, seinen "Weg" der Liebe / Nächstenliebe / Feindesliebe zu gehen. 

Das fand ich einleuchtend, und so beschloss ich, mein Leben nach dieser Botschaft, die ich als das "Evangelium" verstand, auszurichten und mein Vertrauen in Jesus Christus zu setzen. Unsere größtenteils aus Studierenden bestehende Gruppe war für mich dabei so etwas wie eine "Hausgemeinde". Wir gingen manchmal in klassische "Gottesdienste" verschiedener Frei- oder Landeskirchen, aber unsere "Gemeinde" war hauptsächlich unsere (offene und dynamische) Gruppe - freundschaftlich in Kontakt mit einigen Kirchengemeinden unserer Stadt.


Charismatische Begegnungen

Irgendwann Anfang der 90ger Jahre wurde in der christlichen Szene das Thema „Geistesgaben“ populär. Die Lieder änderten sich, es wurde viel über Geist gesprochen und Phänomene erlebt, z.B. auch das sogenannte "Sprachengebet", "prophetische Eindrücke" und das Umfallen, das "Ruhen im Geist" genannt wurde. Ich fand das damals spannend, weil unsere Gruppe eher nüchtern und "normal" gewesen war. Nett, aber ich wollte Action.

Da ging ich in ein paar charismatische Gottesdienste, die in unserer Stadt damals auf­kamen - und hatte meine Action... viel schöne Musik (die prima in eine Art Trance führen kann, wie ich das früher auf Konzerten erlebt hatte... nur diesmal sollte es „vom Herrn“ sein)... und interessante bizarre Phänomene (wie man übrigens auch in Hypnose-Shows erleben kann). Ich fand das zunächst super: Endlich "ging mal was ab" in der Kirche. Mit der Zeit geriet ich da allerdings immer tiefer rein - in den extremeren Teil der charismatischen Szene.

Anfangs fiel mir das nicht so auf, aber irgendwann meldete sich bei mir innen immer mehr die Frage, ob das wirklich „der Herr“ war, der für diese Phänomene zuständig war. Die Leitungspersonen versicherten dies natürlich immer wieder. Immer wieder wurde eingestreut, dies "wäre die Wirkung des Heiligen Geistes" und alle zweifelnden Gedanken kämen vom "Satan" und gehörten „gebunden“. Leider verunsicherten mich solche Aussagen dieser Personen, die ja noch dazu auch sehr selbstbewusst und dominant auftraten, lange, so dass ich mich nicht traute, in diesem Bereich weiter zu forschen. Auch mochte ich ja eigentlich die Musik, das Tanzen, die Action, und auch viele Leute aus der Szene. 

Aber die inneren Fragen hörten nicht auf und ich begann, biblische Texte mit den Lehren und Aussagen der Leute in der charismatischen Szene, in der ich war, zu vergleichen. Dabei stieß ich auf Ungereimt­heiten und wagte es einmal, mit einer ehrlichen Frage zu einer Leitungsperson zu gehen. Ich hatte mich gründlich vorbereitet, aber diese Person schmetterte mein Anliegen sofort mit der Aussage ab, ich hätte einen „Dämon der Kritik und des Widerstandes“. Sie hingegen seien die "vom Heiligen Geist Gesalbten" und ich müsse nur den Leitungspersonen vertrauen und nicht mehr selbst zu prüfen versuchen - nur dann würde ich im geistlichen Verständnis weiterkommen und nicht weiter unter dämonischem Einfluss bleiben.

Dies war der Punkt, wo ich mich sofort aus dieser Szene zurückzog. Es wurde mir klar, dass da total was schief gegangen war. Ich war geschockt, unendlich traurig, verwirrt, wütend und einsam. Es begann eine Zeit, wo ich intensiv biblische Texte mit den Lehren, die ich über viele Jahre gehört hatte, verglich. An immer mehr Stellen fiel mir auf, dass da vieles nicht passte bzw. gar nicht so eindeutig war, wie behauptet wurde.

Schritt für Schritt gewann ich innerlich immer mehr Abstand zur damaligen Szene. Inzwischen habe zu vielem einen neuen eigenen Standpunkt gewonnen und halte mich von der Szene fern, versuche aber auch, Positives, das ich während dieser Zeit auch erlebt habe, nicht aus dem Blick zu verlieren. Trotzdem bin ich gegenüber religiösen Veranstaltungen aller Art sowie religiösen Gruppen mit ihrer oft sehr spezifischen Gruppendynamik sehr skeptisch geworden. 

 

Nachwirkungen

Heute schätze ich Gruppen und Gemeinden sehr,

  • bei denen es kleine Gruppen gibt, wo jeder sich ausdrücken und sich selbst sein kann,
     
  • wo Predigten und Lehren in einem interaktiven Dialogstil stattfinden, wo man Fragen stellen und Anmerkungen machen kann, und wo Raum für respektvolle Kritik vorhanden ist,
     
  • wo ohne Verstärker gesungen und musiziert wird und es Pausen zwischen den Liedern gibt,
     
  • wo in verständlicher Sprache und mit einfachen Worten gebetet wird,
     
  • wo versucht wird, einfach, offen, authentisch und herzlich zusammen zu sein.

 

Meiden tue ich noch heute...

  • "Lobpreiszeiten", wo über einen längeren Zeitraum (und oft sehr laut) Lieder mit einfachen Texten und vielen Wiederholungen gespielt werden, weil dies sehr auf meine Gefühle wirkt, was ich nicht (mehr) mag.
     
  • „Gebets- oder Segnungszeiten“, wo im Hintergrund Musik läuft, die eine bestimmte - wohl „geistlich“ wirkende - Atmosphäre erzeugen soll, bei mir aber vor allem sehr auf meine Gefühle wirkt, was mir unangenehm ist.
     
  • Vortragende, die sehr stark, souverän und dominant auftreten, was mir früher sehr "vollmächtig" und vertrauenserweckend schien, so dass ich sie bewundert habe und sie mir ein Vorbild waren. Heute verwirrt es mich eher, wenn solche Redner auf dem Podium einerseits so stark wirken, viel von sich und oft auch Anekdoten von ihren siegreichen Kämpfen für das Reich Gottes erzählen, dann aber behaupten, dass sie sich damit nicht sich rühmen, sondern Jesus dafür alle Ehre geben wollen. Auf mich wirkt das irgendwie paradox.
     
  • "Lobpreis"-Leitende oder Vortragende, die mit massenhypnotischen oder tranceinduzierenden Stilmitteln arbeiten, oder bei der Zuhörerschaft eine gemeinschaftliche Reaktion erzeugen wollen, indem sie z.B. zu einem Sprechchor, gemeinsamem Händeheben oder anderen kollektiven körperlichen Ausdrucks­formen auffordern.
     
  • Predigten zu den Themen "Erweckung", "geistliche Kraft des Lobpreises" / des "geistlichen Kampfes" / des "Zehnten" / des "geistlich aufladenden Sprachengebetes" und ähnliche Themen, wenn es bei solchen Gelegenheit keine Möglichkeit zu Fragen, Anmerkungen oder dem Äußern von kritischen Bemerkungen oder anderen Ansichten gibt.
     
  • Gebetsgruppen, wo Leute laut "in Sprachen" beten, "Dämonen" gebieten oder irgendwelche vermeintlichen Mächte "binden" oder "lösen". Solche Formulierungen mag ich nicht und das Mithören von "Sprachengebeten" ist mir sehr unangenehm.
     
  • Versammlungen, wo oft über "Zeichen und Wunder", Heilungen und Befreiungen oder "die Macht des positiven Bekenntnisses" gepredigt wird, weil das meine Aufmerksamkeit vom (wichtigen) alltäglichen Leben (lernen) weglenkt.